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Immer auf Toleranzmitte konstruieren. Sinnvoll?

Beitrag 15.02.2026, 01:23 Uhr
Flachzange_BT
Level 1 = Community-Lehrling
*

Hallo Kollegen,
in der Firma wo ich aktuell arbeite kommt seitens der Zerspanung/Arbeitsvorbereitung folgende Forderung: Wir Konstrukteure sollen immer auf Toleranzmitte konstruieren.
Diese Forderung ist für mich nachvollziehbar, wenn es um Werkstücke geht wie Teilaufnahmen mit 3D-Freiformflächen. Diese habe ich auch immer so konstruiert, z. B. Kundenteilsollmaß+Toleranz+Luft+Fertigungstoleranz der Aufnahme = Sollmaß der Teilaufnahme.
Aber so wie es aussieht sollten auch die einfachsten Geometrien auf Mitte Toleranz konstruiert werden wie: Nuten, Kreistaschen, Passfedernuten, Tiefen der Absätze, usw…

Einfaches Beispiel: Bisher war es gang und gäbe, dass man eine Nut mit +/+ Toleriert und das Gegenstück dazu -/-, damit hat man sich Umrechnungen erspart, das Nennmaß war bei beiden Teilen gleich.

Beispiel: Passungspaarung 20mm H7/h6 -> verschieben von Hand ist möglich.
Wenn man der Forderung nachgibt müsste ich eine 20ger Nut mit 20,0105mm Nennmaß konstruieren und mit +- 0,0105mm tolerieren.
Das Gegenstück dazu 19,9935mm +-0,0065mm.

Für mich Konstrukteur ergeben sich dadurch nur Nachteile:
- Ich muss mit drei und vier Nachkommastellen arbeiten
- Passungspaarungen müssen umgerechnet werden
- Ich kann die Teile nicht mehr an Flächen und Kanten ausrichten, weil sie ungerade Maße haben, ich muss dann Zusätzliche Geometrien in der Konstruktion erstellen um die Teile mittig auszurichten
- Wenn ein Maß geändert wird, dann muss auch die Umrechnung überprüft/korrigiert werden. Bei H7 Angabe, geht die Tolerierung mit geänderten Maß mit.

Die Begründung warum die Zerspanung das so haben will: Die Arbeitsvorbereitung muss aufwändig in ihrer CAM-Software auf Mitte Toleranz programmieren, umstellen, wie auch immer.


Schreibt bitte wie es bei euch gehandhabt wird.
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Beitrag 15.02.2026, 09:38 Uhr
LucyLou
Level 5 = Community-Ingenieur
*****

Hallo,

Bei Freimass- oder +/- Toleranzen schaue ich ebenso auf mitte zu zeichnen.

Bei genormten Toleranzen z.b. H7 ist es immer das Nennmass.

Habe aber schon mit wem gesprochen der auch sehr viele Zeichnungen von Extern bekommt
diese sind auch alle auf Nennmaß gezeichnet.

Habe aber auch schon hier im Forum gelesen das auch mit Farben gearbeitet wird.
Gelb=H7
Rot=h6


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mfg Peter

HAAS CompactMill 1
HAAS SuperMiniMill 2
HAAS ST10Y mit Stangenlader
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Beitrag 15.02.2026, 09:42 Uhr
nico1991
Level 5 = Community-Ingenieur
*****

Hi,

Fakt ist, irgendeiner muss die Arbeit machen. Egal ob in der Konstruktion, am CAM, oder direkt an der Maschine smile.gif

Wir als Lohnfertiger machen immer ein Mittenmodell, eben weil wir Bauteile aus 20 unterschiedlichen Konstruktionen bekommen. Ohne geht es teilweise gar nicht mehr, weil die Teile so komplex geworden sind, dass man alle Abhängigkeiten gar nicht richtig überblicken kann. Und das am besten, bevor man mit der Aufspannung anfängt.

Grundsätzlich habe ich damit kein Problem. Spaßeshalber sage ich aber oft, dass manche Konstrukteure erst fertig sind, wenn an jedem Maß eine einseitige Toleranz steht. Ungelogen: Ich habe Zeichnungen mit 80 Maßen gesehen, davon waren 78! einseitig, außermittig toleriert. Da sitzt man 60 Minuten, nur um das 3D Modell anzupassen und am Ende hat es nichts mehr mit dem Original zu tun.

Meine Meinung nach 15 Jahren intensiver Lohnfertigung:
Kein Mittenmodell aus der Konstruktion. Zu oft wird etwas vergessen und man muss es doch alles überprüfen. Nennmaße im 3D und eine ordentliche technische Zeichnung mit Toleranzen überall da, wo es notwendig und erforderlich ist! Und ja, auch mal gröber als die Allgemeintoleranz. Zum Beispiel dürfen Bohrungen für Typenschilder oder Kabelschellen gerne auch mal ±1mm toleriert werden, weil es eben unkritische Bohrungen sind.

Liebe Grüße
Nico
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Beitrag 15.02.2026, 11:58 Uhr
Flachzange_BT
Level 1 = Community-Lehrling
*

Hallo,

danke für die Antworten.

@LucyLou

Danke, dass du es erwähnst. Seit ca. 2 Jahren wird das bei uns praktiziert. Die Fertigung wollte die Bohrungen je nach Art eingefärbt haben. Dem Wunsch wurde nachgekommen. Die Konstruktion hat ein Tool gekriegt, das die Arbeit für den Konstrukteur etwas erleichtert.
Reguläres Schraubengewinde = gelb
Feingewinde = orange
H7 = blau
E9 = grün
J7 = pink
Usw…

Ich weiß nicht wie weit das die Arbeit für den Zerspaner oder Vorbereiter erleichtern soll. Ob aus der H7 Farbe sofort ein CNC-Zyklus für Reiben generiert wird. Oder ob es der besseren optischen Erkennung dienen soll. Ich schätze jeder erfahrene Zerspaner wird auch ohne Farben erkennen 3,4; 4,5; 5,5; 6,6; 9,0; 11,0; usw… sind Durchgangsbohrungen für Schrauben. Bohrungen mit …,0 könnten Passungen sein und die 2D-Zeichnung sagt dann um welche Passung es sich handelt.

Der Griff zu 2D-Zeichnung wird trotzdem nicht erspart bleiben z. B. bei Feingewinde. Allein für M10 gibt’s 0,25; 0,5; und 1 Steigungen.


@nico1991

Ganz klar, einer muss diese Arbeit machen. Vor dem Maschinenbautechniker habe ich Mechaniker gelernt und durfte an einer Deckel mit Dialogsteuerung auch paar Sachen programmieren. In meiner Vorstellung werden Passungen und wichtige Funktionsmaße erst vorgeschruppt und dann auf Fertigmaß geschlichtet. Damals hat man das über die Werkzeugkorrektur gesteuert. Soll heißen, vorschruppen, nachmessen, Werkzeug bzw. Bahn nachkorrigieren, fertigschlichten, nachmessen.

Ich weiß nicht ob es mit einem Schuss möglich ist das Fertigmaß zu erreichen. Bei DIN ISO 2768m ab halben Meter Nennmaß wird’s vielleicht möglich sein, aber ich spreche hier über Sondermaschinenbau-Automatisierung da sind die Fertigungsteile meistens nicht größer wie DIN A4 Blatt.

Ich sehe die Verantwortung beim Zerspannungsmechaniker an der Maschine. Er muss sorgfältig messen und nachfräsen bis es passt. Sonst ist immer ein anderer schuld: …der hats falsch programmiert, der andere hat an der Messmaschine das Werkzeug falsch gemessen, ich bin hier nur um die Teile einzulegen und zu entnehmen, bla bla bla….


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Beitrag 15.02.2026, 12:40 Uhr
G00Z0
Level 5 = Community-Ingenieur
*****

Moin,
immer wiieder ein großes Thema !
Ich habe vor 20 Jahren die Möglichkeit gehabt, als Konstruktionsrichtlinie durchzusetzen, daß die Konstruktion unsere Teile zwar auf Mittenmass konstruiert, die Toleranzen aber in den Modellmasse zu definieren. Davor wurden die Toleranzen in die entkoppelte Zeichnung nachträglich einzutragen.
Mit einem kleinen Tool (PW Tools oder CAD Booster) war es dann möglich, das Modell auf Mittenmass umzurechnen und dadrauf die NC-Programmierung zu definieren.

Allen geholfen !

Wir haben natürlich klar den Vorteil, daß dies bei Eigenteilen super funktioniert, nämlich auf Knopfdruck. Bei immer weniger Lohnarbeit ist der dortige Aufwand aber verschmerzbar. Auch gab es ein paar "Hilfestellungen" zu leisten, wenn Konstruktionen auswärts eingekauft wurden.

Klappt bis heute


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Wir haben doch keine Zeit --> G00Z0

Diesem User wurde verliehen: "Das Norddeutsche Qualitätsposting Siegel"
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Beitrag 15.02.2026, 19:53 Uhr
MikeE25
Level 7 = Community-Professor
*******

Ich konstruiere und fertige auch zu ca. 50% selbst.
Bei fast allem versuche ich da auch alles Mitte Toleranz zu machen weil die Kontrolle an der Maschine einfacher ist.
Was ich extern vergebe: da sind meine Partner meist auch dankbar über Mitte Toleranz.
Bei der Maßangabe muss man sich überlegen wie genau man die Toleranzangaben macht. 1/100mm in der Praxis messen ist möglich. Bei Drehteilen kann man auch 5/1000mm angeben und das noch mit guten Bügelmessschrauben messen. 1/1000mm macht nur Sinn wenn die Teile auch mit entsprechenden Messmitteln in temperierten Räumen gemessen werden (müssen).
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Beitrag 16.02.2026, 07:16 Uhr
jtm90
Level 2 = Community-Facharbeiter
**

Als Zerspander und CAM Programmierer ist es mir nicht so wichtig das aufs Mittenmaß konstruiert wird.

Viel wichtiger ist es richtige 3D Modelle/2D Zeichnungen zu haben die Fertigungsgerecht sind, sinnvolle Toleranzen haben und gleiche Merkmale immer 100%ig gleich konstruiert werden.
Viele Konstrukteure haben wenig Bezug zur Fertigung und verstehen nicht wieviel leichter man sich die Fertigung mit einer vernünftigen Konstruktion machen kann. Das wiederum beschleunigt die Fertigung und sichert den Arbeitsplatz des Konstrukteurs und des Zerspaners. Da muss immer zusammengearbeitet werden und die beste Lösung erarbeitet werden. Leider ist das oft nicht der Fall und es wird die einfachste Lösung für den einzelnen angestrebt.

Auch Farben für Bohrungen und oder Toleranzen sind extrem Sinnvoll. Man kann damit im CAM unglaublich viel automatisieren. Und ja es ist großer Unterschied beim Programmieren ob ich weiß dass das eine Passung zu reiben ist und dies einstellen muss, oder ob das Vollautomatisch passiert.

MfG

Der Beitrag wurde von jtm90 bearbeitet: 16.02.2026, 08:02 Uhr
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Beitrag 16.02.2026, 09:37 Uhr
faenger
Level 5 = Community-Ingenieur
*****

Moin.

Fertigen jetzt sein 14 Jahren zeichnungslos. Nur gefärbtes 3D Modell, manchmal mit PMI. Das Programmieren wird je nach Cam, deutlich reduziert. Wir arbeiten aktuell mit Hypermill, dort kann Ich mir anhand der Farbe die Werkzeugbahn auf Mitte Toleranz ausgeben. Auch unsere Zulieferer finden diese Art deutlich angenehmer wie Zeichnungen zu wälzen.
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